‘Du musst ihm oder ihr einfach mehr Grenzen setzen.’
Kaum ein Satz wird im Umgang mit Kindern häufiger, nahezu reflexartig, verwendet.
Nur sehr selten wird von der Seite der Erwachsenen interessiert nachgeforscht, was dahinter stecken könnte, wenn ein Kind Grenzen nicht einhalten kann (oder mag). Was, wenn Kinder immer wieder dieselben Verhaltensweisen aufzeigen, obwohl Konsequenzen, Regeln oder Ermahnungen längst etabliert wurden? Und: Welche Bedürfnisse könnten sich womöglich hinter einem ‘grenzenlosem Verhalten’ verstecken?
Denn dass ein Kind eine Grenze nicht einhält, kann ganz unterschiedliche Gründe haben. Je nach Entwicklungsstand, individuellen Voraussetzungen, emotionalem Zustand, bisherigen Erfahrungen oder aktueller Belastung kann dieselbe Grenze für ein Kind etwas völlig anderes bedeuten als für ein anderes.
Viele Eltern, Lehrpersonen, Sozialpädagog*innen etc. erleben durch das erfolglose Setzen von Grenzen nämlich auch immer wieder dieselben Konflikte. Oft entsteht dann die Annahme, das Kind sei absichtlich herausfordernd, würde absichtlich über Grenzen gehen. Doch so einfach ist das Ganze mit Sicherheit nicht. Dies möchte ich in diesem Text mal genauer anschauen.
Aus traumasensibler Perspektive lohnt sich die Frage:
Was, wenn ‘unangemessenes Verhalten’ eines Kindes nicht aus mangelndem Willen resultiert, sondern ein Ausdruck von Überforderung, fehlender Regulation oder ganz einfach Stressphysiologie ist?
Denn - Grenzen wirken nie isoliert. Sie treffen immer auf ein bestimmtes Kind mit seinen individuellen Voraussetzungen. In meiner Arbeit mit Kindern und Jugendlichen mit FASD (Fetale Alkoholspektrumstörung) durfte ich lernen meine eigene bereits recht differenzierte Vorstellung von Grenzsetzung noch einmal etwas mehr zu reflektieren.
Neue Erkenntnisse aus der FASD-Forschung zeigen zunehmend, dass viele der Kinder und Jugendlichen Schwierigkeiten in Bereichen haben können, die für das Einhalten äußerer Grenzen zentral sind: Impulskontrolle, Reizverarbeitung, Exekutivfunktionen, Übergänge, emotionale Regulation und Stressverarbeitung.
Das bedeutet:
Viele Verhaltensweisen entstehen nicht aus bewusster Grenzüberschreitung, sondern aus einem Nervensystem, das rasch in Überforderung, Aktivierung oder Desorganisation gerät. Gleichzeitig haben Kinder und Jugendliche generell ein Bedürfnis nach Autonomie und Selbstbestimmung. Auch das kann natürlich beeinflussen, wie sie auf Grenzen reagieren.
Gerade Übergänge, also Situationen des Wechsels, Unterbrechungen oder der Verlust von Kontrolle können für Kinder und Jugendliche mit FASD - und nicht nur für Kinder und Jugendliche mit FASD - richtig, richtig herausfordernd sein.
Grenzen wirken deshalb nie losgelöst vom Zustand des Nervensystems.
Sie wirken, ganz klar spürbar, innerhalb eines Beziehungssystems.
Aus bindungstheoretischer und traumsensibler Sicht wissen wir, dass Regulation zunächst in Beziehung entsteht, bevor Selbstregulation möglich wird. Kinder übernehmen Sicherheit nicht primär über Worte oder Konsequenzen, sondern über Co-Regulation, Beziehung und ein Gefühl von Sicherheit.
Wenn Systeme immer wieder dasselbe versuchen
In meiner Arbeit als Sozialpädagogin mit einer fremd- und selbstgefährdenden Jugendlichen mit FASD fiel mir immer wieder etwas auf:
Das professionelle Umfeld reagierte häufig mit denselben Maßnahmen, denselben Grenzsetzungsversuchen und derselben Art und Weise Kontrolle herzustellen. Und das obwohl diese immer wieder aufs Neue scheiterten.
Teilweise hatte ich sogar den Eindruck, dass bestimmte Interventionen das Nervensystem und Beziehungssystem der Jugendlichen zusätzlich aktivierten, anstatt Sicherheit herzustellen. Das hat mich tief getroffen und sehr traurig gemacht Und viele, viele Fragen aufgeworfen, unter anderem:
Warum wiederholen Systeme oft dieselben Strategien, obwohl sie offensichtlich keine nachhaltige Regulation ermöglichen?
Warum wird bei Eskalation oft mit noch mehr Kontrolle reagiert, anstatt tiefer zu gehen und zu fragen:
Was versucht uns dieses Verhalten eigentlich mitzuteilen? Was für ein Bedürfnis gibt es hier?
Traumasensibles Arbeiten im sozialpädagogischen Bereich bedeutet für mich Grenzen eingebettet in Beziehung, Nervensystemwissen und differenzierter Wahrnehmung zu sehen. Leider habe ich die Erfahrung gemacht, dass es hier einen massiven Mangel gibt.
Co-Regulation statt Machtdynamik
Ein Beispiel: Vor einiger Zeit betreute ich ein sechsjähriges Kind mit FASD. Ein tolles Kind (für mich sind sie alle toll). Nach mehrstündiger Betreuung war ein Spielplatz unsere letzte Station, bevor ich das Kind zu vereinbarter Uhrzeit zurück zur Pflegemutter bringen sollte.
Übergänge waren für dieses Kind besonders schwierig. Ich kannte das Kind schon recht lange; das wusste ich also.
Immer wieder wollte das Kind noch eine letzte Runde spielen. Ein paar Mal wiederholte ich das Spiel noch. Ich spürte bereits: Das Nervensystem des Kindes beginnt sich zu aktivieren. Gleichzeitig wusste ich, dass ein harter Abbruch die Situation wahrscheinlich eskalieren würde. (Das Kind konnte im schlimmsten Fall aggressiv reagieren). Wir schafften es auf die andere Seite des Spielplatzes zu gelangen, da, wo sich der Ausgang befand. Da entdeckte das Kind einen kleinen Hügel mit Sand und Kieselsteinen und begann, damit zu spielen. Gleichzeitig schaute es verschmitzt höhnisch zu mir und sagte, es würde sich jetzt mit dem Staub/Sand ‘eincremen’.
Das Kind schaute mich an, wartete auf meine Reaktion. Ich sagte zuerst ruhig und leise 'das ist vielleicht keine so gute Idee' (Affekt), blieb aber entspannt. Gab in eines meiner Ohren den bereits vorbereiteten Kopfhörer, da wir vorher besprochen hatten auf dem Nachhauseweg das Lieblingslied des Kindes zu hören. Nach einer Weile ging ich ein paar wenige Schritte und blieb dann stehen. Als ich mich umdrehte, sah ich wie das Kind mit dem T-Shirt den Sand eingesammelt hatte und lachend zu mir rannte.
Ich blieb entspannt. Als es meinte, 'ich werfe das jetzt auf dich!', hielt ich ihm mein Bein hin. Später tat es noch einmal dasselbe. Menschen um uns herum blickten irritiert zu uns herüber. Von außen wirkte die Situation vermutlich wie ‘fehlende Konsequenz’.
Ich allerdings ging entspannt weiter - ich wusste, dass das ein kritischer Moment war (Eskalationsgefahr) - das Kind hatte ja bereits meiner Anweisung gefolgt, was ja sehr gut/kollaborativ war: wir waren auf dem Weg nach Hause.
Als es dann meinte, es würde den Staub in mein Gesicht werfen, habe ich das Kind gestoppt - mit der Aussage, dass ich das nicht möchte und dass dies in den Augen weh tun würde. Das Kind hielt inne. Es warf noch einige Hände voller Sandstaub in die Luft, aber es warf nichts in mein Gesicht. Wir kamen an einem Lavendelstrauch vorbei. Das Kind hatte beim letzten Mal gemeint, der Geruch würde es so an den letztjährigen Urlaub in Italien erinnern. Ich ergriff den Moment am Schopf (?) und sprach das Kind darauf an, ob es nicht wieder seine Hände mit Lavendel einreiben wollen würde. Dies tat das Kind und roch an den Händen. Die Sandgeschichte war vergessen, es trat etwas mehr Ruhe ein. Nun wollte es, während des Gehens spielen, das es ein Hund wäre. Ich nahm die Wasserflasche aus dem Rucksack, fragte das Hündchen warum es denn so staubig wäre (es war in einem Keller gefangen gehalten worden, laut Kind), und leerte ein bisschen Wasser auf das Bein des Kindes (das Kind liebte Wasserspiele). Danach das andere Bein und die Arme (mit Zustimmung des Kindes). Das Kind genoss dies sichtlich (es war ein heißer Sommertag) und ich fand es gut, dass es nun nicht mehr so dreckig war. Der Rest der Heimfahrt mit den Öffis funktionierte reibungslos. Zum Abschied wurde ich ganz fest umarmt.
Traumasensibles Arbeiten braucht Selbstfürsorge
Was in vielen pädagogischen Kontexten noch immer unterschätzt wird:
Diese Art von Arbeit ist nervensystemisch hoch anspruchsvoll.
Menschen, die Kinder in starken Aktivierungszuständen begleiten, regulieren häufig permanent mit ihrem eigenen Nervensystem mit. Ohne ausreichende Selbstfürsorge, Supervision, Pausen und strukturelle Unterstützung wird das auf Dauer enorm kostspielig. Emotional wie körperlich.
Traumasensibles Arbeiten bedeutet deshalb nicht nur, feinfühlig auf Kinder zu schauen.
Es bedeutet auch, die eigenen Grenzen, Ressourcen und Zustände ernst zu nehmen.
Denn nur ein halbwegs reguliertes Nervensystem kann langfristig Sicherheit vermitteln.
Die wichtigste Frage überhaupt:
Wie schaffen wir Bedingungen, unter denen ein Kind innere Sicherheit, Orientierung und Selbstregulation entwickeln kann?
Anstatt: Wie können wir besser Grenzen setzen?
Denn Menschen, und besonders Kinder, sind keine eindimensionalen Wesen.
Und genau deshalb kann auch gute Begleitung niemals eindimensional sein.
Liebe Helfersysteme, bitte bildet euer Personal (und euch) traumasensibel aus.