Wenn es keinen Platz für Fürsorge im System gibt

Zwischen Effizienz und Menschlichkeit: Wenn Fürsorge im Gesundheitssystem verloren geht

Vor nicht allzu langer Zeit lag ich auf einem OP-Tisch, unbeweglich, mein Finger für die Operation vorbereitet. Medizinisch betrachtet war es kein großer Eingriff. Eine Lokalanästhesie. Alles routiniert, alles sicher, so wurde es mir zumindest vermittelt. Dennoch war dies ein Moment großer Verletzlichkeit und Schutzlosigkeit für mich.

Wenn ein Mensch nicht aufstehen kann, nicht ausweichen kann, den eigenen Körper nicht vollständig spürt und Kontrolle abgeben muss, entsteht ein Zustand, in dem das Nervensystem besonders empfänglich ist – für Sicherheit ebenso wie für Unsicherheit. In solchen Momenten entscheidet nicht nur die medizinische Kompetenz darüber, wie wir eine Situation erleben, sondern auch die Qualität der Regulation im Raum. Und diese, sagen wir mal so, war wirklich mäßig vorhanden.

Was ich mir in diesem Moment so sehr gewünscht hätte, war einfache, menschliche Co-Regulation. Dass jemand (vielleicht der Anästhesist, der immer wieder nach mir sah) eine Hand auf meine Schulter legt. Ein kurzer, ruhiger Kontakt. Ein Signal an mein Nervensystem: Du bist nicht allein. Hier ist jemand. Du bist sicher.

Stattdessen wurde mir angeboten, eine Medienbrille aufzusetzen, um während des Eingriffs einen Film zu schauen. Eine gut gemeinte Ablenkung, die ich aus-probierte, welche sich aber für mich nicht regulierend anfühlte. Die Brille ver-stärkte das Gefühl des Eingeschlossenseins. Mein Blick war begrenzt, mein Körper ohnehin immobilisiert. Was als Beruhigung gedacht war, erzeugte in mir viel mehr Enge, als Sicherheit.

In diesem Moment wurde mir klar, dass ich selbst aussprechen musste, was mein Nervensystem brauchte. Ich bat den Anästhesisten, sich zu mir zu setzen, bei mir zu bleiben. Ich sagte zu ihm, dass man in Filmen oft sieht, wie medizinisches Personal eine Hand auf die Schulter eines Patienten legt, als Zeichen von Präsenz und Unterstützung. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass genau das im realen medizinischen Alltag vielleicht gar nicht so selbstverständlich ist. Im Nachhinein bin ich wirklich etwas geschockt darüber, welch zusätzlichen Stress mein Körper aushalten musste.

Ich wurde sehr deutlich. Mein Nervensystem war bereits überfordert, und ich begann zu weinen, weil ich mich so ausgeliefert und verletzlich fühlte. Ich erklärte ihm, dass ich diesen Kontakt brauchte, um mich sicher zu fühlen. Schließlich legte er seine Hand auf meine Schulter. Vielleicht fühlte es sich für ihn zunächst ungewohnt an. Aber für mich machte es einen entscheidenden Unterschied.

In dem Moment, in dem seine Hand auf meiner Schulter lag, veränderte sich etwas. Wir begannen zu sprechen, der Kontakt wurde natürlicher, und ich fühlte mich plötzlich gesehen. Mein Körper konnte sich beruhigen. Die Operation, die zweieinhalb Stunden dauerte, wurde dadurch überhaupt erst gut durchstehbar. Nicht, weil der Eingriff weniger lang oder weniger intensiv gewesen wäre, sondern weil mein Nervensystem nicht mehr allein war.

Diese Erfahrung hat mir erneut gezeigt, wie grundlegend wichtig Aufklärung und nervensystemorientiertes Verständnis in medizinischen Kontexten wäre. Zu wissen, was genau passiert, wie sich der Körper anfühlen kann, welche Geräusche entstehen, wie lange einzelne Schritte dauern – all das unterstützt Regulation. Es gibt Orientierung. Und Orientierung ist Sicherheit für das Nervensystem.

Doch häufig scheint im medizinischen Bereich Regulation noch keinen festen Platz zu haben. Funktionieren, Effizienz und technische Perfektion stehen im Vordergrund. Die feinen, zwischenmenschlichen Aspekte – Blickkontakt, ruhige Stimme, körperliche Präsenz, echte Zuwendung – werden selten als wesentlicher Bestandteil der Versorgung verstanden. Dabei sind sie für viele Menschen, besonders für hochsensible oder traumatisierte Nervensysteme, entscheidend.

Ich sehe Co-Regulation nicht als ein „Extra“. Sie ist ein biologisches Grund-bedürfnis. Gerade in Momenten, in denen wir ausgeliefert sind, kann ein regulierter Mensch an unserer Seite den Unterschied machen zwischen einer Erfahrung, die der Körper als Bedrohung abspeichert, und einer, die integriert werden kann.

Für mich ist das eine Erinnerung daran, wie wichtig es ist, auch außerhalb spezialisierter Fachbereiche über Nervensystemwissen zu sprechen. In Krankenhäusern. In medizinischen Ausbildungen. Überall dort, wo Menschen sich in verletzlichen Situationen befinden.

Denn Heilung geschieht nicht nur durch medizinische Eingriffe. Sie geschieht auch durch Beziehung, durch Sicherheit und durch das Wissen im Körper: Ich werde hier gehalten.

Zurück
Zurück

About Sophie

Weiter
Weiter

When Care Has No Place In The System